Pre-Match Analyse FC Bayern München @Celtic Glasgow

1. Wer ist die Überraschungsmannschaft von der Insel?

In der Scottish Premiership ist Celtic das Maß aller Dinge – sowohl in der Offensive als auch in der Defensive. Gerade einmal zwölf Gegentore mussten „The Bhoys“ aus Schottlands größter Stadt in 25 Spielen hinnehmen. Dem stehen 73 erzielte Tore gegenüber. Beide Werte sind Bestwerte in der Liga. Aktuell ist die Mannschaft mit 13 Punkten Vorsprung auf den ewigen Stadtrivalen Glasgow Rangers auf dem besten Weg, den Meistertitel zum vierten Mal in Folge und zum 13. Mal seit der Saison 2011/12 zu gewinnen. Auf den ersten Blick sind das sehr beeindruckende Zahlen, die allerdings aufgrund der geringen Qualität der Konkurrenz in Schottland sowohl in der Breite wie auch in der Spitze mit Blick auf die Königsklasse relativiert werden müssen. Die Quoten der Wettanbieter, gebildet unter anderem aus zurückliegenden Duellen zwischen deutschen und schottischen Teams, beschreiben die aktuelle Leistungsfähigkeit von Celtic Glasgow in etwa auf dem Niveau des Bundesligisten FC Augsburg. Der belegt aktuell Platz zwölf, mit genau halb so vielen Punkten wie die Bayern.

2. Welche(r) Spieler und welche Spielweise zeichnen sie aus?

Die Qualität der höchsten Spielklasse in Schottland wirkt sich auch auf die Spielanlage von Celtic Glasgow aus. In der Premiership spielt Celtic ganz anders als in der Königsklasse. Gegen die heimische Konkurrenz ist Celtics Spielanlage von Dominanz geprägt: Mit weitem Abstand führen sie die Statistik in beinahe allen relevanten Ballbesitzparametern an (Anzahl der überspielten gegnerischen Spieler, Gegner überwindende Dribblings, progressives Passspiel etc.).

Ihre Spielweise in der UEFA Champions League unterscheidet sich deutlich vom Erfolgsrezept in der heimischen Liga. Im internationalen Wettbewerb kommt Celtic nur auf 36 % Ballbesitz im Vergleich zu fast 75 % national. Dementsprechend wird sich im Spiel gegen die in dieser Kategorie in der Königsklasse zweitbeste Mannschaft Bayern München die Priorität der Schotten deutlich in Richtung Defensive verschieben. Spannend in diesem Zusammenhang (und für die Bayern durchaus beruhigend): Anders als man es bei Mannschaften erwarten darf, die auf eine kompakte Defensivleistung setzen, verfügt Celtic über die geringste Qualität im Herausspielen von Torchancen durch Kontersituationen im gesamten internationalen Vergleich. Und dies, obwohl mit Nicolas Kühn einer der schnellsten Offensivspieler des aktuellen Wettbewerbs in ihren Reihen „steht“. Zu diesem besonderen Spieler allerdings später mehr.

Erst einmal stellt sich die generelle Frage, wie die Schotten zu aussichtsreichen Spielsituationen kommen können, die auch die Bayern vor Probleme stellen. Wie bereits erwähnt, es gibt Unterschiede zwischen Premiership und Champions League. Der Kontrast etwa, der sich in der Kategorie „Anzahl überspielte generische Verteidiger pro Spiel durch Positionsangriffe“ zeigt, könnte kaum größer sein: In der Premiership ist Celtic hier die Nummer eins, in der Champions League die Nummer 36 – also Letzter. Allerdings weisen die Schotten eine Qualität auf, die auch die Bayern ins Schwitzen bringen kann: Effizienz! Hier rangiert Celtic auf Platz fünf im CL-Ranking hinter Clubs wie dem FC Barcelona oder Manchester City. Und dass die Bayern in der Defensive bei aller offensiven Dominanz nicht immer den stabilsten

Eindruck hinterlassen, fällt nicht nur ausgebildeten Spielanalysten auf. Gegen den Vorletzten der Bundesliga Holstein Kiel gaben die Münchner vor elf Tagen eine 4:0-Führung beinahe noch aus der Hand und zitterten sich in der Nachspielzeit zu einem 4:3-Sieg. Dieses Match und vor allem dessen letzte 30 Minuten dienen der Mannschaft aus Glasgow eventuell als Blaupause für ihren Matchplan.

Doch wer war gleich nochmal dieser schon kurz erwähnte pfeilschnelle Spieler im grün-weißen Trikot, der in der aktuellen Saison wettbewerbsübergreifend auf 29 Scorerpunkte in 34 Pflichtspielen kommt? Für Nicolas Kühn wird es ein besonderes Spiel werden. Nicht nur, weil es sein erstes K.-o.-Spiel in der Königsklasse sein wird, sondern, weil der im niedersächsischen Wunstorf geborene Flügelstürmer am Mittwoch auf seinen Ex-Club treffen wird. Zwischen 2020 und 2022 gehörte der Top-Scorer der Schotten der zweiten Mannschaft der Münchner an, konnte sich nach mehreren Leihen, u. a. zu Erzgebirge Aue, aber in der bayerischen Landeshauptstadt nicht durchsetzen. Nach herausragenden Leistungen in der österreichischen Liga für Rapid Wien wechselte der mittlerweile 25-Jährige im Januar 2024 zu Celtic und entwickelte sich seither zu einem absoluten Unterschiedsspieler für die Schotten. Das musste zum Beispiel RB Leipzig schmerzlich erfahren: Kühn schoss zwei Tore beim 3:1-Erfolg im Vorrundenspiel gegen die Sachsen. Und was genau macht den Ex-Münchner so gefährlich? Kühn ist ein Spieler, der über ein extrem spannendes Skill-Set verfügt. Am wohlsten fühlt er sich auf der Position des rechten Wingers/Flügelstürmers. Ein herausragendes physisches Attribut ist neben seinem explosiven Antritt die außergewöhnliche Endgeschwindigkeit von bis zu 35,9 km/h. Damit liegt er im aktuellen Speed Ranking der UEFA auf Platz fünf und lässt etwa Kylian Mbappé hinter sich. Was sein Profil allerdings richtig spannend macht, ist die Tatsache, dass er nicht nur über herausragende Qualität im Tiefgang verfügt, sondern zudem auch mit nach innen ziehenden Dribblings glänzt und sich immer wieder selbst in aussichtsreiche Torabschlusssituationen bringt. Im Rückspiel wird durch diese Aktionen ein Hauch von Arjen Robben über der Allianz Arena liegen.

3. Wie kann der FC Bayern seine Favoritenrolle in ein entsprechendes Ergebnis @Celtic Park ummünzen?

So bemerkenswert die aktuelle Leistung der Schotten in der Champions League auch ist, alles andere als ein Weiterkommen der Münchner nach zwei Spielen wäre eine Sensation. Ein Ansatzpunkt für den deutschen Rekordmeister, um bereits im Hinspiel eine gute Ausgangssituation herzustellen, ist neben einer konzentrierten Defensive das Verhalten der schottischen Defensivlinie bei gegnerischen Positionsangriffen. Besonders die Innenverteidiger agieren sehr mannorientiert, lassen sich aus der letzten Linie ziehen und geben somit für die agilen bayerischen Offensivspieler wie Kingsley Coman, Michael Olise oder Jamal Musiala Räume in den Schnittstellen frei, die zu Läufen in die Tiefe herzlich einladen. Außerdem ist es wahrscheinlich, dass sich Celtic wie auch im Spiel gegen Aston Villa nicht tief in der eigenen Hälfte verbarrikadiert, sondern versucht, die Münchner früh im Aufbauspiel zu stören. Das kommt dem Münchner Offensivspiel durchaus entgegen …

Unter dem Strich steht fest: Sportlich darf Celtic für die Bayern kein Maßstab sein. Was die Stimmung im Celtic Park anbelangt, erwartet die Münchner aber absolute Königsklassenspitzenqualität, und ein einmaliges Erlebnis.

MARKUS BRUNNSCHNEIDER

Leitung Spiel- und Taktikanalyse, Scouting und Kaderplanung
brunnschneider@international-football-institute.com